Das erste (Papier) Buch mit DRM!

Als Schriftsteller habe ich natürlich Interesse, dass meine Autorenrechte bewahrt bleiben. Aber diese Geschichte ist so verrückt, das glaubt mir doch kein Mensch.

Am Samstag schlenderte ich durch die Kölner Innenstadt und aß gemütlich eine Pizzaschnitte. Vor einem der vielen Buchläden blieb ich stehen und schaute neugierig durch das Fenster. Nachdem ich die letzten Bissen vertilgt hatte, enterte ich den Laden und schaute mich nach der Bestsellerliste für Sachbücher um.

Auf der anderen Seite des Raumes fand ich schließlich die Vitrine mit den Bestsellern und ging darauf zu. Auf dem Weg zur Vitrine kamen ab und zu Verkäuferinnen auf mich zu, schauten mir auf das Revers meines Jacketts und gingen wieder. Ich konnte mir das zwar nicht erklären, ging aber einfach weiter. Links und rechts der Vitrine flackerten mich Farbdisplays mit Werbung der Kommerzbank und von einem Single-Club in Neuwied an. Etwas irritiert versuchte ich die Vitrine zu öffnen um mir das Buch „unbrauchbares neu verpackt“ anzuschauen. Doch die Vitrine war verschlossen. Ich drehte mich hilfesuchend um und eine Verkäuferin stand auch schon gleich neben mir.

„Wollen Sie mal einen Blick reinwerfen?“ fragte sie lieblich. „Sicher“ antwortete ich. „Dann brauche ich mal Ihren Ausweis“. Ich war noch mehr irritiert, aber vielleicht haben diese Bücher ja einen hohen Wert und die Kölner Buchhändler schlechte Erfahrungen mit schnell flitzenden Kunden gemacht? Ich gab ihr den Ausweis und erhielt das Buch. Ich las die ersten Seiten und sah im Augenwinkel, wie die Verkäuferin Daten von meinem Ausweis in den Computer tippte. Ich schüttelte den Kopf und las weiter.

Das Buch gefiel mir und ich entschloss mich es zu kaufen. In dem Augenblick kam auch schon die Verkäuferin auf mich zu, gab mir meinen Personalausweis zurück und einen lustigen Ansteckbutton mit einem Strichcode für das Jackett.

„Damit können wir schon beim reinkommen nachvollziehen wann sie hier waren, welche Bücher sie mögen und was sie kaufen. Wenn sie wünschen, schicken wir Ihnen dann an jetzt immer aktuelle Informationen per Post, z.B. wenn es etwas Neues gibt was sie interessiert oder sie schon länger nicht mehr bei uns waren“, rasselte die Verkäuferin freundlich runter. „Aha“, dachte ich lachend, iss ja wie im Internet.

„Das Buch hätte ich gern“. Ich zog meine Brieftasche aus dem Jackett und schlenderte mit der Verkäuferin zur Kasse. Sie scannte zuerst das Buch und dann den Button an meinem Jackett. „Wie wollen Sie zahlen?“.

„In Bar“ antwortet ich. „Für 19,98 lohnt sich ja nicht die Bankkarte zu nehmen.“. Ich bezahlte und erhielt einen verschlossenen kleinen Umschlag. „Ihre Pin“ säuselte die Verkäuferin freundlich, „und einen schönen Tag noch“.

Jetzt schaute ich schon etwas verdutzt. „Und das Buch?“.

„Das erhalten Sie per Post. Sobald Sie zu Hause sind wird es schon in Ihrem Briefkasten sein.“ sagte sie freundlich aber bestimmt.

„Ich wollte das Buch aber jetzt lesen“ antwortet ich unfreundlich aber genauso bestimmt.

„Tut mir leid. Als besonderen Service für registrierte Kunden die bereits bezahlt haben bieten wir Ihnen die Möglichkeit an, dieses Testexemplar da hinten auf dem Sofa zu lesen. Ihr Original erhalten Sie per Post“. Die Verkäuferin wollte mir ein abgegriffenes Exemplar des Buches in die Hand drücken, welches ich aber ablehnte. Ich beschloss nach Hause zu gehen und mich auf dem Weg dahin noch etwas über diese Merkwürdigkeiten zu ärgern.

Zuhause war tatsächlich bereits ein kleines Päckchen für mich angekommen. Ich öffnete es und fand darin ein Buch. Allerdings war es deutlich schwerer als das Exemplar im Buchladen. Auch hatte es nur einen schlichten Plastikeinband und in der Innenseite ein kleines Display und ein Batteriefach. Und außer den Einband konnte ich es auch nicht öffnen.

Über dem Display war ein roter Aufkleber mit der Aufschrift: „Hier bitte Pin rein sprechen“. Die Wut stieg weiter in mir hoch. Ich wollte doch nur dieses verdammte Buch lesen. Zum Glück erinnerte ich mich trotz Wut an den kleinen Umschlag der Verkäuferin und öffnete diesen. Heraus fiel ein langer Zettel mit 48 Zeichen, Buchstaben und Zahlen! „Das mache ich nicht“ rief ich entsetzt.

„Die Pin ist nicht korrekt“ antwortete das Buch leise.

Verdutzt schaute ich das Buch an. „Ich fass es nicht!“ brüllte ich, „das kann doch nicht dein Ernst sein“.

„Die Pin ist nicht korrekt“ antwortete das Buch leise.

Ich warf das Buch in die Ecke und raufte mir die Haare. Was ist das bloß für ein schlechter Albtraum? Zur Beruhigung meiner Nerven ging ich ins Wohnzimmer und schüttete mir einen doppelten Cognac ein. 10 Minuten später hatte ich mich beruhigt und wollte es nun wissen. Ich holte das Buch und die Pin und fing langsam ein den Code zu sprechen:

„ARTZ-T6gg-VVJi-oioi-06gT-!po….

„Die Pin ist nicht korrekt“ antwortete das Buch leise.

„Rufzeichen“ hat ihm wohl nicht gefallen. Also noch einmal, diesmal mit „Ausrufezeichen„. Das klappte sogar. Nach ein paar Versprechern hatte ich es nach 11 Versuchen tatsächlich geschafft und das Buch lies sich öffnen.

Aber halt, das nächste Problem, dass Buch klemmte. Ich konnte es nicht ganz öffnen, sondern nur um ca. 105 Grad. So konnte ich es zwar mit Mühe lesen, aber nicht mit Genuss.

Ich legte das Buch erstmal wieder in die Ecke und wollte es am Montag in der Kölner Innenstadt umtauschen gehen. Es war ja offensichtlich defekt. Ich goss mir noch ein paar Cognac ein und vergaß den Ärger erstmal.

Montagmorgen machte ich mich auf in die Stadt und ging mit dem Buch schnurstracks in den Buchladen. Dort knallte ich das Plastikbuch auf die Theke und sagte „Hören Sie mal, erst muss ich 11x die PIN eingeben und dann ist das Ding defekt“.

„An die Pin gewohnt man sich mit der Zeit. Sie müssen die ja nur eingeben wenn sie das Buch lesen wollen, nicht wenn sie umblättern“ belehrte mich die Verkäuferin. „haben Sie Ihre PIN dabei?“.

„Wie? Ich hatte die Pin doch schon eingegeben. Ich muss das doch nicht jedes Mal machen wenn ich das Buch wieder lesen will oder was?“

„Natürlich, schon!“ antwortete die Verkäuferin. „Sonst könnte es ja Jeder lesen“.

Sie gab Ihren Supermasterpin ein und öffnete das Buch bis auf 105 Grad. „Funktioniert tadellos“ strahlte Sie.

„Aber es geht nicht weiter auf“ sagte ich und wollte es ihr zeigen.

„Weiter darf es auch nicht aufgehen, sonst könnte man es ja kopieren“ ermahnte mich die Verkäuferin wie selbstverständlich. „Schließlich müssen die Autorenrechte bewahrt bleiben. Darum hat das Buch DRM eingebaut. Sonst würden ja keine Bücher mehr verkauft, die Autoren würden keine Bücher mehr schreiben… und dann?“ fragte sie mich spöttisch.

Dann wachte ich auf!

Um Gottes willen. Wenn die Buchindustrie das macht, was die Musikindustrie und die Spieleindustrie macht, dann gehe ich als Autor unter und verkaufe nie ein Buch!

Albert Danzas

7 Gedanken zu „Das erste (Papier) Buch mit DRM!“

  1. das ist mal eine herrliche geschichte zu DRM und medien.

    aber ich bezweifle, dass die papiernen bücher tatsächlich so konstruiert werden. eher werden die verlage dann auch das medium buch nur noch digital vertreiben …

    wobei mensch ja sehen kann, dass zumindest die musikindustrie mit für den verbraucher störenden kopierschutzmaßnahmen nicht weit kommt. die ersten shops sind ja wieder DRM-frei.

  2. Die Geschichte ist genial. Das schlimme daran ist: Ich kann mir sogar allzu lebhaft vorstellen, dass es ein paar „intelligente“ Leute gibt, die sich tatsächlich über einen Kopierschutz von Büchern Gedanken machen. Hoffentlich liest keiner von denen diese Geschichte, sonst hält er das noch für eine gute Idee.
    Besonders gut hat mir die kleine PIN gefalllen, die man auch noch reinsprechen muss. Auch wenn mir 11 Versuche reichlich flott vorkommt. Nach meinen Erfahrungen mit Passworten und Sprachcomputern an Hotlines wären 11 Versuche allein beim Eintippen der 48 Ziffern schon ein guter Schnitt beim Durchschnittsuser, aber das ganze auch noch sprechen? Bei den ganzen Dialekten und Spracherkennung, die noch nicht einmal ein simples „Nein“ versteht? Meiner Meinung nach nahezu unmöglich.

  3. Eine apokalyptische Vision, aber wirklich hervorragend aufgebaut. Las sich echt spannend.
    Ich brauchte zwar nicht lange, bis ich merkte dass es sich um eine Vision *handelte*, aber im Äh-Book-Zeitalter wird ähnlicher Schwachsinn bestimmt bald Realität.

  4. Genau das gleiche haben wir doch schon bei den E-Büchern. Die sind durch das DRM dermaßen unbenutzbar, dass man immer abwägen muss, ob man sich die Arbeit macht und das DRM entfernt oder doch die Papier-Ausgabe nimmt. Zum Kotzen.

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